Veröffentlicht am 10.06.2004

Vierte Lloyd Lectures Veranstaltung am 7. Juni 2004: Vortrag von Prof. Dr. Meinhard von Gerkan

Prof. Meinhard von Gerkan berichtet über enorme Bautätigkeit in China

 

  • Prof. Meinhard von Gerkan über enorme Bautätigkeit
  • „Jede große Stadt will eine eigene Oper“
  • Bericht über den Bau einer komplett neuen Stadt
Um Überhitzungstendenzen in der stark wachsenden chinesischen Volkswirtschaft einzudämmen, schränkt die chinesische Staatsregierung öffentliche Investitionen drastisch ein. Darüber berichtete Prof. Dr. Meinhard von Gerkan, Mitinhaber des Architektenunternehmens gmp, vor mehr als 200 Teilnehmern aus der Schifffahrt und Schiffsfinanzierung an der vierten Veranstaltung von „Lloyd Lectures“ in Hamburg. Von Gerkan präsentierte in seinem Vortrag eine Reihe von Projekten öffentlicher Bauten, die derzeit wegen des Investitionsstopps der öffentlichen Hand auf Eis lägen. Gleichwohl geht nach den Ausführungen des international bekannten Architekten der enorme Bauboom in den östlichen Wachstumsregionen der Volksrepublik unvermindert weiter.
 
Im Zentrum der Aktivitäten von gmp, die mit zwei Büros in Peking und Shanghai vertreten sind, steht derzeit der Bau der komplett neuen Stadt Luchao. Der Auftrag über die komplette Planung der neuen Stadt wurde für gmp vor kurzem um ein Vielfaches erweitert. Die zunächst für 300.000 Einwohner geplante Stadt soll nun für 800.000 Bewohner konzipiert und realisiert werden. Zusätzlich wird in Luchao der größte Containerhafen der Welt gebaut. Von Gerkan verdeutlichte vor den Teilnehmern von „Lloyd Lectures“ mit Hilfe von Satellitenfotos den Stand der Bauarbeiten. Durch Landgewinnung in den Pazifik hinein ist bereits das Zentrum der Stadt vorbereitet worden. Es besteht aus einem kreisrunden See mit einem Umfang von neun Kilometern. In Ringen – wie bei einem sich ausbreitenden Wassertropfen – werden nach allen Himmelsrichtungen Wohn- und Arbeitsstätten gebaut.
 
Von Gerkan, dessen Unternehmen in China bereits mit einer Vielzahl von Großprojekten beauftragt wurde – darunter zum Beispiel mit der Realisierung eines Messezentrums auf einer zuvor eigens eingeebneten Bergspitze - , qualifizierte die bisherigen Bauten in China als architektonischen Wildwuchs. Jeder Bau müsse nach den Vorstellungen der Chinesen ein Unikat bilden, eine Art „Kaktus“. Es entstünden reine „Theaterkulissen“, gewissermaßen „Wegwerfarchitektur. Viele Gebäude hätten keinerlei Wärmedämmung bzw. keine Vorkehrungen gegen Aufhitzungen durch das teilweise subtropische Klima.
 
Jürgen Bertram, über 13 Jahre Asien-Korrespondent der ARD, darunter acht Jahre in China, und Moderator der Veranstaltung, ergänzte, dass sich das Land auf einem revolutionärem Weg befinde. Eine Nation, die noch vor zehn bis 15 Jahren überwiegend aus Landbevölkerung bestanden habe, werde schlagartig zu einem Land der Neuzeit mit einer enormen Verstädterung und allen damit verbundenen Infrastrukturproblemen sowie mit drastisch auseinanderklaffenden Einkommensverhältnissen. Allein rund 120 Millionen Menschen würden als Wanderarbeiter ohne feste Behausung durch das Land vagabundieren und zu Minilöhnen teilweise nur tageweise Arbeiten durchführen.
 
Hamburg, den 8. Juni 2004                                                            https://www.lloydfonds.de

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